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November 2020
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Oper: Kaegi-Ticker

Der Kaegi-Ticker zu «Kindertotenlieder»

«Sie sind uns nur vorausgegangen...»

Während auf der grossen Bühne «Im Amt für Todesangelegenheiten» geprobt wird und mit einem gewaltig ironischen Biss durchgespielt wird, wie wir Menschen wohl auch den Tod in unsere Excel-Tabelle und somit in den Griff kriegen könnten, geht es in einer etwas stilleren Produktion «Kindertotenlieder» in der Box gegenüber zwar auch um den Tod, hier aber war der schon da und hat sich schon jemanden geholt: ein Kind.

Ein zukunftsorientiertes Projekt - so nennen Benedikt von Peter, der Regisseur und Clemens Heil, der musikalische Leiter, diesen Abend, in dessen Zentrum die Kindertotenlieder von Gustav Mahler stehen.

Rebekka Meyer, gemeinsam mit Nikolai Ulbricht für die Dramaturgie zuständig, wird uns gleich erzählen, was wir zu sehen und zu hören bekommen werden.

Aber davor ein paar Sätze (und Töne) zum Werk:

Kindertotenlieder, Luzerner Theater, Kaegi-Ticker

1901 vertont Gustav Mahler die ersten Kindertotenlieder. Da kannte er Alma Schindler, die spätere Alma Mahler, noch nicht, und noch weniger hatte er eigene Kinder. Das entgegen der oft gehörten Äusserung, er hätte diesen Zyklus auf den Tod seines eigenen Kindes geschrieben. Mahlers Tochter Maria-Anna starb, ja, und es war schrecklich für Mahler, aber das war erst 1907, und da waren die fünf Kindertotenlieder längst fertig und uraufgeführt.

Gustav Mahler, Luzerner Theater

Aber ein anderer beklagt darin den Tod seiner Kinder: der Dichter Friedrich Rückert. Kurz vor und nach Weihnachten 1833 erkrankt die dreijährige Luise an Scharlach und stirbt, kurz darauf auch der fünfjährige Ernst. «Es bleibe ihm nichts zum Troste» schreibt er dem Schweizer Komponisten Franz Xaver Schnyder von Wartensee, «als eine unsägliche Masse von Todtenliedern». Insgesamt 428 Gedichte, «Grablieder für die beiden Kleingebliebenen», entstehen im Sommer 1834.

Gustav Mahler, Kinder, Luzerner Theater

Im Sommer 1904 sitzt Gustav Mahler, jetzt verheiratet und bereits zweifacher Familienvater, auf seiner Datscha in Maiernigg am Wörthersee, schaut seinen spielenden Kindern zu (ok, ich gebs zu, die kleine Anna war damals gerade einen Monat alt und hat wohl eher geschlafen als gespielt) und komponiert – an den Kindertotenliedern. Es scheint, als wäre er unter Druck gewesen, auf jeden Fall war er in Eile. So nimmt er die bereits in früherer Zeit vertonten drei Lieder hervor (Nun will die Sonn’ so hell aufgehen / Wenn mein Mütterlein / In diesem Wetter) und ergänzt sie noch mit zwei neuen (Nun seh ich wohl / Oft denk ich).

Die Ehefrau Alma empört sich in ihrem Tagebuch: «Ich kann es wohl begreifen, dass man so furchtbare Texte komponiert, wenn man keine Kinder hat oder wenn man Kinder verloren hat. Ich kann es aber nicht verstehen, dass man den Tod von Kindern besingen kann, wenn man sie eine halbe Stunde vorher heiter und gesund geherzt und geküsst hat.»

Gustav Mahler seinerseits hat zum Musikforscher Guido Adler einmal gesagt: «Ich versetzte mich in die Situation, dass ein Kind von mir gestorben wäre. Als ich dann wirklich meine Tochter verlor (Maria-Anna, 1907), hätte ich diese Lieder nicht mehr schreiben können.»

So viel zur Entstehung.

Zu Mahlers Musik

Musik Gustav Mahler, Kindertotenlieder, Luzerner Theater

Eine eigentliche Geschichte wird in diesen fünf Liedern nicht erzählt. Der Erzähler, die Erzählerin könnten Vater und Mutter sein, die am Morgen nach dem schrecklichen Ereignis in eine resignierte Stimmung versinken, sich an die Augen des Kindes erinnern, an seine Schritte und an ihren Klang im Raum, sie reden sich ein, die Kinder wären eben nur ausgegangen und kämen vielleicht... zu all dem schreibt Mahler eine ruhige, dumpfe Musik, die Melodien sind schleppend, bewegen sich in kleinen Intervallen und kommen kaum voran.

Dafür verwendet Mahler ein eher dunkel eingefärbtes Orchester mit Klarinetten, Bass-Klarinetten, Fagotte und zwei Hörnern. Nur in den Augenblicken des Lichtes, die immer wieder auftauchen, lässt er es kurz funkeln: mit einer Sologeige, einer Celesta, einem Glockenspiel.

Alles in allem klingt es über vier Lieder hinweg, als hätte da jemand den Schmerz im Griff. Oder einen gut verschliessbaren Deckel draufgemacht.

Doch dann kommt das Lied Nummer fünf:

Stand vorher meist «langsam» oder «schwermütig» oder «ruhig» über den einzelnen Liedern, so verlangt Mahler jetzt hier einen «ruhelos und schmerzvollen Ausdruck». Er verdoppelt die Klarinetten, die Fagotte, fügt sogar ein Kontrafagott hinzu, macht aus den zwei Hörnern vier und setzt oben drauf eine kleine Flöte.

Vorbei ist es mit der Contenance!  Wir hören schauerliche Triller und Vorschläge, chromatische Basslinien zucken auf- und abwärts, die gestopften Hörner setzen scharfe Akzente, die Streicher spielen wilde Läufe, Tremoli und Pizzicato – kurz alles steht auf Sturm.

Nach und nach wird auch die Singstimme immer bewegter und stürmischer und überrascht mit grossen Sprüngen. Man liegt wohl nicht ganz falsch, wenn man dabei an einen Schmerzensschrei denkt. Stimme und Instrumente peitschen einander, jagen sich, reissen einander mit.

Aber dann plötzlich, eben sang die Verzweifelte noch «man hat sie hinausgetragen, ich durfte nichts dazu sagen», pling! ein heller Ton wie ein Lichtstrahl.

Die Musik beruhigt sich, wird Dur, wird langsam und sanft - schreibt Mahler - wie ein Wiegenlied. «Mutters Haus» steht für die ewige Ruh. Dann folgt noch ein Abgesang von Horn und Solocello, schliesslich kommt alles zum Stehen. Langsam verklingend, steht am Schluss.

(Mezzosopran: Maria Riccarda Wesseling, Nouvel Ensemble Contemporain, Leitung: Pierre-Alain Monot, 2004)

Musik ist kein Produkt, Musik ist Prozess

Das sagt der Sound-Designer Herbert Matthew, der bei der Luzerner Musikinstallation beteiligt sein wird. Zurzeit ist er in London und schreibt die Sounds und die Partitur für diese Luzerner Kindertotenlieder.

Hingegen ist Rebekka Meyer da, die Dramaturgin des Hauses. Und sie weiss mehr. Zum Beispiel auch, ob da zu dieser Musik von Mahler eine Geschichte erzählt wird?

Die Eltern der toten Kinder stehen also auf der Bühne. Und was ist mit den toten Kindern?

Der Raum wird ja relativ leer und neutral sein, wenig Bühnenbild also. Was ist mit den Kostümen?

Nun soll es auch musikalische «Luzerner Fassung» der Kindertotenlieder geben. Das ist insofern ein bisschen vielschichtig, weil schon Mahler selber zwei Fassungen gemacht hat, eine mit Klavier und eine mit Orchester und später Rainer Riehn nochmals das Orchester neu instrumentiert hat. Jetzt also nochmals eine Bearbeitung der Bearbeitung der Bearbeitung.....

Zwei Sänger, ein Kind, ein Ensemble, umkreisen einen Abend lang das Thema «Kind» und «Tod», «Verlust» und «Verstummen»... das wird ein nachhaltiger Abend?!

Danke, Rebekka Meyer. Ach.... fast vergessen?

Und wer bist eigentlich du?