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November 2020
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20. September 2018 | Julia Jordà Stoppelhaar

Glam, Bling und Bürgerkrieg

In «Les robots ne conaissent pas le blues oder Die Entführung aus dem Serail» wirken drei grosse Stars der Coupé Decalé-Szene mit. Unter ihren Pseudonymen bringen Gotta Depri, DJ Meko und Gadoukou La Star zwischen Abidjan und Paris das Publikum zum Brodeln, doch nach Luzern kommen sie als Teil des Kollektivs Gintersdorfer/Klassen. Sie tanzen zu westafrikanischem Coupé Decalé und diskutieren gemeinsam mit Opernsängern ihre Perspektive auf die Figuren aus Mozarts «Die Entführung aus dem Serail» oder auch auf den Zusammenhang von Geld und Liebe. Ausserdem sind sie beim «Klub Global» zu erleben, wo sie dem tanzwütigen Luzerner Publikum den Coupé Decalé nahebringen. Was sie am kommenden Wochenende erwartet, lesen Sie hier:

Musikstil, Tanz, Selbstinszenierung – der Coupé Decalé feiert seit seiner Geburtsstunde einen Triumphzug von Frankreich über die Elfenbeinküste bis in die Republik Kongo. Aus den DJ-Nächten der Pariser Clubszene formierte sich 2002 das Kollektiv La Jet Set um die Musiker Douk Saga, Molaré und Lino Versace, die den Coupé Decalé in der ivorischen Diaspora erfanden. Vor der politischen Instabilität und dem Bürgerkrieg in der Republik Côte d'Ivoire geflohen, zelebrierten sie in ihrer Musik nun die Lust am Konsum: von der teuren Markenkleidung bis zu den Luxusautos. Für sie bedeutete das Leben in der französischen Metropole eine frische Brise musikalischer Sorglosigkeit im Vergleich zur reglementierten und gefährlichen Situation an der Elfenbeinküste.

Im Club sieht das dann so aus: DJs bitten die sogenannten «ambianceurs» unter Gejubel auf die Tanzfläche, wo ausgefallene Coupé Decalé-Choreographien oder einzelne Tanzschritte zum Besten gegeben werden. Stimmung anheben, animieren, sich und seinen Erfolg präsentieren – darum geht es. In ihren Auftritten stellen die ambianceurs ihr scheinbar luxuriöses Leben zur Schau. Das stapelhafte Verteilen von Geld auf der Tanzfläche und an andere DJs –  als «travailler» bezeichnet – ist gängige Praxis. «Couper» – Unfug treiben, klauen – und «decaler» – abhauen, flüchten – werden durch das dritte Prinzip – «travailler» – ergänzt. Die ambianceurs: zwischen Robin Hoods und berufsmäsisgen Geldausgebern. Die Zurschaustellung ist aber auch eine Form des sozialen Widerstands, indem die Praxis gleichzeitig auf den Punkt und überspitzt dargestellt wird, besonders aber: man weigert sich schlicht, arm zu sein. Diejenigen, die aus der privilegierten sozialen Schicht ausgeschlossen sind, erkämpfen, oder vielmehr: ertanzen sich ihren Platz in der Gesellschaft.

Als der Coupé Decalé von Paris aus nach Abidjan ausstrahlte, in Zeiten in denen aufgrund der Ausgangssperren nur morgens getanzt werden konnte, prägte er eine Lebenseinstellung, die versuchte, alle Sorgen auszublenden. Die Musiker verbuchten riesige Erfolge, ihre Aufnahmen wurden auf dem heimischen Markt in sechsstelligen Nummern verkauft. Der Einfluss schwappte auch in die kongolesische Musikwelt über. Während der Nachkriegszeit in der Republik Côte d'Ivoire entpuppte sich der Coupé Decalé als immer bedeutsamerer Teil ivorischer Kultur und nationaler Identität.

Wer sich selbst im Coupé Decalé ausprobieren, für den finden sich im Netz zahlreiche Praxis-Beispiele vom Musikvideo über Dance-Battles bis Tutorials à la  «How to dance Coupé Decalé» Youtubevideos:

Eine Reihe Zeitungsartikel zeugen von der Popularität des Coupé Decalé, wie zum Beispiel dieser Artikel von 2016 über Douk Saga, La Jet Set und dem Ursprung des Coupé Decalé. Inklusive des beliebten Musikvideos «Guantanamo» von DJ Zidane und Douk Saga, für die Französischkundigen unter Ihnen.

In «Les robots…/ Die Entführung…» und im «Klub Global» am Luzerner Theater erwartet Sie am Samstag eine Party-Nacht mit drei zentralen Showbizstars der ivorisch-pariser Szene des Coupé Decalé – einem ebenso glamourösen und provokativen wie kritischen Lifestyle.