Mo Di Mi Do Fr Sa So
      1 2 3 4
5 6 7 8 9 10 11
12 13 14 15 16 17 18
19 20 21 22 23 24 25
26 27 28 29 30 31  
ς
Oktober 2020
π
Oper

Die Mischung macht's!

Erstmals kooperiert das Luzerner Theater bei der musiktheatralen Geisterbeschwörung «Zappa on the Hill» mit dem B-Sides Festival. Vom 29. Mai bis 2. Juni 2019 mit zappaeskem Sound waren auf dem Sonnenberg unter anderem dabei: Die Musiker der Band «Faber»! Das Gespräch mit Edina Kurjakovic (u. a. Vorstandsmitglied B-Sides Festival), Marcel Bieri (u. a. Vernetzungsplattform «Other Music Luzern» und Künstlerischer Leiter des B-Sides-Festival) und Benedikt von Peter (Intendant Luzerner Theater) über die Kraft der Vernetzung führte Johanna Wall.

 

Johanna Wall – Das LT steigt für «Zappa on the Hill» auf den Sonnenberg – angestammtes B-Sides-Land! Wie kam es zu dieser Idee?

Benedikt von Peter  –  Ich war vor zwei Jahren auf dem Festival und fühlte sofort eine tiefe Sympathie – von dort oben spürt man mit Blick hinunter auf die Stadt ganz wörtlich «die B-Seite von Luzern». In gewisser Weise ist dies aber auch ein elitärer Rückzugsort, hat etwas Entrücktes. Normalerweise ist dies ja der Ruf des Stadttheaters (lacht). Da stehen die Kühe und daneben dieses Festival – mir schien das ein geradezu «indianischer Kraftort».

JW – Und was sagten die «B-Sides-Indianer auf dem Berg», als der Herr Theater-Intendant vorbei kam und meinte: «Mensch, hier is' aber schön. Da kann man sicher was machen...»

Marcel Bieri  – Es ist ja nicht so, dass wir hier die ersten waren. Schon vor hundert Jahren stand auf dem Sonnenberg ein Hotel. Später hielten Nazi-Sympathisanten hier ihre Veranstaltungen ab, das Varieté-Theater, das es leider nicht mehr gibt, spielte hier 40 Jahre und das B-Sides inzwischen seit 14 Jahren.

JW – Wie hat das B-Sides die Anfrage des Luzerner Theaters nach einer Kooperation aufgenommen?

Edina Kurjakovic – Als die Anfrage kam, haben wir keine Sekunde gezögert oder gezweifelt, ob das Sinn macht. Wir haben sofort losgelegt und überlegt, wie können wir das zusammen planen. Erst wenn man drinsteckt, merkt man wo man sich hinein manövriert hat (lacht).

MB – Es war für uns ein sehr schönes Statement, mit dem Luzerner Theater etwas ausprobieren zu können. Ich freue mich sehr, dass sich das Luzerner Theater unter Benedikt von Peter von einem Theater, wie man es früher kannte, zu einem Theater verwandelt hat, wie man es vielleicht in der näheren Zukunft haben wird. Ein Ort, an dem der Austausch mit der freien Szene wirklich stattfindet.

Mit «The Art of a Culture of Hope» war bereits 2017 ein Performanceprojekt beim B-Sides vertreten, es stellte sich bei uns also schon länger die Frage danach, wie wir beim B-Sides einen interdisziplinären Ansatz weiterentwickeln könnten. Vielleicht nehmen uns die Leute auch durch diese Kooperation nicht mehr nur als Musikfestival, sondern zunehmend auch als Festival anderer Kultursparten wahr. Als Organisationen funktionieren wir allerdings vollkommen anders. Dieses Projekt war auch ein Lernprozess.

JW – Ihr lasst es schon antönen: So eine Kooperation ist kein Zuckerschlecken, die Produktionsweisen unterscheiden sich...

EK – Der grösste Unterschied ist sicherlich die Effektivität in der Struktur. Wenn wir etwas wollen, können wir einfach loslegen und sind dann enorm effektiv. Da wir ein kleiner Verein sind, haben wir alle Freiheiten der Welt.

BvP – (lacht) Wir eben nicht.

EK –  Ich finde es auch grossartig, wenn Künstler ihr Tun als Arbeit anerkannt wissen, geregelte Arbeitszeiten haben und einen bestimmten Preis. Aber wenn man flexible Formen ausprobieren oder Partnerschaften eingehen möchte, wie zwischen euch und uns, führt das automatisch zu Differenzen. Denn wenn unsere totale Freiheit mit einer starreren Struktur wie der des Theaters zusammenprallt, braucht es Verständnis auf beiden Seiten. Im besten Fall erhalten dadurch beide Seiten einen neuen Impuls. Aber man muss auch einfach Lust darauf haben...

BvP – Von einer Kooperation müssen beide Partner etwas haben. Wir sind eine ziemliche «Produktionsmaschinerie». Ich meine das erst einmal wertfrei. Es meint einfach, dass die Arbeitsweise sehr genormt ist, dadurch aber sehr viele Veranstaltungen zuwege gebracht werden können. Zunehmend tritt allerdings die Frage auf: Hat das Produkt noch Leben? Wir fahren an unserem Haus deshalb zwei Systeme: einerseits die traditionellen Produktionsprozesse – im Übrigen mit einer sehr kleinen Mannschaft von gerade einmal 12 Technikern – und inzwischen «on top» festivalhafte Projekte und Veranstaltungen in Kooperation mit der Stadtgesellschaft. Für einen Betrieb bedeutet das eine enorme Mehrbelastung. Allerdings denkt man besonders am Anfang, alles wäre schrecklich kompliziert. Am Ende aber merkt man, es geht auch kleiner, informeller. Und nimmt dem Betrieb etwas von der Angst, sich zu flexibilisieren. Das Schöne daran: Man spürt wieder, warum man eigentlich Theater macht.

JW – Edina, du bist aktuell die Verbindungsfrau zwischen Luzerner Theater und B-Sides Festival. Du hast schon in zahlreichen Funktionen die Luzerner Kulturlandschaft mitgestaltet und kennst sie aus allen Blickwinkeln. Was interessiert dich am meisten?

EK – Der Vernetzungsansatz erscheint mir enorm spannend. Egal ob beim Fumetto, bei der IG-Kultur oder auch beim B-Sides: ich habe immer versucht, Verbindungen herzustellen und Parallelen herauszufinden. Allen Institutionen und kulturellen Projekten ist eines gemein: Sie wollen ein Gefühl in den Leuten wecken und so Haltungen und Informationen transportieren. Den Wunsch nach diesem Gefühl und das Bedürfnis, in einer ebenso gelassenen wie kritischen Haltung auf das Leben zu schauen, teilen wir alle. Ich finde es schön, dass jede Sparte ihre Eigenheit hat und sich darin entfalten kann. Aber noch schöner finde ich es, wenn man versucht die «Sparten zu vermischen» und das Gefühl dadurch zu intensivieren und einer noch breiteren Gruppe der Gesellschaft zur Verfügung zu stellen. Wir haben in Luzern einen kleinen, aber auch sehr diversen und lebendigen Kulturplatz. Schon das persönliche Miteinander-ins-Gespräch-Kommen gibt einen wertvollen Impact für die eigene Arbeit. Deshalb habe ich mich auch gefreut, Ansprechpartnerin für das LT beim B-Sides Festival zu sein.

JW – Marcel, für «Zappa on the Hill» bist auch du unser Ansprechpartner beim B-Sides Festival. Inzwischen hast du eine neue Aufgabe in der Luzerner Kulturwelt übernommen...

MB – Seit Mitte letzten Jahres baue ich eine Vernetzungsstelle für die Luzerner Musikszene auf. Es geht uns neben der Musik auch darum, die verschiedenen Kultursparten innerhalb der Stadt und der Region zu vernetzen, wobei es zunächst schlicht darum geht, sich besser kennenzulernen und voneinander zu lernen.

JW – Benedikt, es ist ein Markenzeichen deiner Intendanz, das Haus in die Stadt hinein zu öffnen. Was ist dir daran so wichtig?

BvP – Das Stadttheater hat sich vielfach «entregionalisiert». Für mich aber bedeutet Stadttheater, gerade nicht das zu machen, was man überall sehen kann. Es geht mir darum, etwas an und in einer Region kennenzulernen, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne an Orte zu gehen, an denen ich noch nie gewesen bin. Und wie es Edina gerade sagte, die Begegnung unterschiedlicher Systeme generiert Kreativität, Gelassenheit und Grosszügigkeit. Irgendwann stellt sich nicht länger die Frage: Was soll das Theater? Sondern: Was ist eigentlich die Aufgabe von Kultur?

JW – Und worin siehst du diese?

BvP – Ein erweiterter Kulturbegriff ist auch ein erweiterter Gesellschaftsbegriff. Das Brückenbauen, das System des anderen zu verstehen, einen Dialog und Kontakt auf Augenhöhe zu führen – diese Mechanismen trainiert man innerhalb eines kooperativen Projekts. Und ich glaube, dass diese Werte sich auch vermitteln können, wenn man die Veranstaltungen besucht.

MB – Vielleicht hat unsere Generation gemerkt, dass das Kooperieren und Teilen mehr Vorteile als Nachteile hat. Im Vergleich erhalten wir alle zusammen nur ein sehr kleines Stück des ganzen Kuchens. Früher hat man sich gegenseitig die Mittel streitig gemacht. Heute hat sich das Einverständnis durchgesetzt, dass wir gemeinsam mehr erreichen können. Ich denke, in den vergangenen Jahren hat sich schon vieles getan. «Other Music Luzern» kann hier als Drehscheibe mithelfen, dass Synergien noch besser genutzt werden können.

JW – «Other Music Luzern» ist ein kräftiges junges Pflänzchen, das B-Sides hingegen feiert bald 15-jähriges Jubiläum. Am 5. Oktober 2020 kommt ihr vom Sonneberg hinunter ins Luzerner Theater!

EK – Dass es weiter geht, ist eine Extra-Motivation für die aktuelle Zusammenarbeit. Da bekommt man einfach noch mehr Lust! Ich habe schon einige Ideen! Ich glaube, wir müssen mal wieder miteinander reden...

Zappa on the Hill, Luzerner Theater

Zappa on the Hill, Luzerner Theater

Zappa on the Hill, Luzerner Theater