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November 2020
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18. Oktober | Dominik Busch

Demokratie als Praxis

Der Autor Dominik Busch stellt das Box-Festival «Open Kitchen» vor.

«Open Kitchen» heisst das Festival, welches übermorgen Samstag in der «Box» des Luzerner Theater beginnt und bis Mitte November dauert. Im selben Raum und mit demselben Bühnenbild sind fünf verschiedene Theaterabende zu erleben. Das Motiv der «offenen Küche» darf als Einladung verstanden werden: Das Luzerner Theater öffnet – einmal mehr – seine Türen, um Menschen an einem Ort zu versammeln.

Die Küche als Ort des gemeinsamen Kochens kann im Kleinen Vieles widerspiegeln, was für das Zusammenleben grösserer Gemeinschaften auch gilt. Was eine Handvoll Menschen beim Waschen und Würzen, beim Braten und Backen, beim Anrichten und Abschmecken umtreibt, das kann erfahrbar machen, was für das Leben in einem Dorf, in einer Stadt oder in einem Land gilt. Vielleicht verderben die (zu) vielen Köche und Köchinnen nicht immer den Brei. Und vielleicht lässt sich über Geschmack eben doch ganz trefflich streiten. Fünf Gänge wird das Luzerner Theater anrichten, fünf Theaterabende, zu denen wir alle eingeladen sind.  

Eröffnen wird den Reigen Christophe Meierhans. Fragt man den gebürtigen Genfer – er lebt heute in Brüssel – was er unter Theater verstehe, so antwortet er: Theater, das sei, wenn zwei Fremde im selben Lift stecken bleiben. Heisst: Theater schafft einen Raum für Begegnung. In der «Box» des Luzerner Theater wird Meierhans mit seiner Arbeit «Verein zur Aufhebung des Notwendigen» zu Gast sein. Statt einer Bühne, gibt es eine Küche. Ein Set von Rezepten gibt den Zuschauern, die hier zu Akteuren werden, Anleitungen an die Hand, die diese sehr eigensinnig anwenden können. Dabei muss Vieles erst besprochen werden. Meierhans versteht diesen gemeinsamen Akt als Demokratie in konkreter Anwendung. Statt in Gesprächen darüber zu reflektieren, wie wir mit anderen Menschen zusammen leben wollen, zwingt uns eine Reihe von Situationen dazu, im Einzelfall konkret auf Andere und Anderes zu reagieren – wobei sowohl der Prozess als auch die Endprodukte sicherlich zu viel Diskussionen Anlass geben werden. Entscheidungen müssen verhandelt und getroffen werden – und jede Entscheidung wird Folgen haben, über die – beim gemeinsamen Essen – gesprochen, gestritten und gelacht werden kann.

Basisdemokratisch wird es auch am zweiten «Open-Kitchen»-Abend: Für ihren Abend haben Sofia Elena Borsani, Lukas Darnstädt, Jakob Leo Stark und Yves Wüthrich aus dem Schauspielensemble ein Rezept für eine gelungene Inszenierung ganz nach ihrem Geschmack zusammengestellt: kein vorgegebener Text einer Autorin, kein Regisseur, der seine Handschrift miteinbringt. Auch hier können Sie ruhig mit leerem Magen kommen, denn das Ensemble richtet an: «Schauspieler mit Hacktätschli» wird bunt wie eine Gemüsepizza, zart wie ein gut gebratenes Steak und unterhaltsam wie eine Tortenschlacht.

Yves Wüthrich, Schauspieler aus dem Ensemble, serviert den dritten Gang. Er wird einen eigenen Abend in der «Box» gestalten. Der Basler ist selber passionierter Hobbykoch und hat unter anderem ein Faible für Gerichte aus der Molekularküche. Für seinen ganz persönlichen Abend hat er ein eigenes Menu zusammengestellt, welches aus verschiedenen Gerichten besteht, die er mit einer persönlichen Geschichte verbindet. Schon die Grossmutter seiner Grossmutter kochte aus seinem Lieblingskochbuch «Basler Kochschule», von dem er eine Erstausgabe besitzt. Es ist unter anderem dieses Buch, aus dem er für Sie live kochen und kommentieren wird. Wer Yves Wüthrich kennt, der weiss, dass die Gänge mit sehr viel Humor serviert werden.

Am vierten Abend des Festivals wird Küchenphilosophie statt Essen serviert: Der Kühlschrank ist bedrohlich leer in der Inszenierung von Giacomo Veronesi. Ob er wegen einer menschenverursachten Naturapokalypse oder wegen Robotern, die keinen Hunger mehr haben leer ist, werden die beiden jungen Schauspielerinnen Mira Rojzmann und Julian-Nico Tzschentke diskutieren – und die Zuschauer in eine Zukunft verführen, in der sogar das Theater von Algorithmen statt Menschen bestimmt wird. 

Der fünfte und letzte Theaterabend der «Open Kitchen»-Reihe heisst «Maidorf». Entwickelt haben ihn der Autor Christian Winkler und der Regisseur Franz von Strolchen gemeinsam mit ihrem Team. Die Produktion basiert auf einer wahren Geschichte, die sich in der Steiermark zugetragen hat. Gerhard Augenthaler – gelernter Optiker – kaufte sich Mitte der 90er-Jahre in dem kleinen 300-Seelen-Dorf Maidorf die einzige Jugendstilvilla. Kontakt mit den Einheimischen suchte der Mann nicht; ebenso wenig kamen die Einheimischen mit dem Zugezogenen ins Gespräch. Stattdessen baute der passionierte Hobbyarchitekt in den kommenden Jahren Schritt für Schritt sein Haus um. Dabei entstand ein eigenartiger Prunkbau, bestehend aus Römersäulen, barocken Vordächern, einer Reihe von Garagen für die Autos, sowie einem schwarz-goldenen Messingzaun. Die Kombination dieser Stilelemente war derart grotesk, dass Grazer Architektur-Studierende mittlerweile das Gebäude als Paradebeispiel für so richtig schlechten Geschmack gelehrt bekommen.

Winkler und von Strolchen hörten durch Zufall von dieser Geschichte und besuchten für zehn Tage das Dorf für ihre Recherche. Dabei gaben sie sich nicht als Künstler oder Theaterschaffende aus, sondern spielten die Rolle von Wissenschaftlern, die eine Reihe von Fragen zum Zusammenleben in den Dörfern der Steiermark hätten. Und so fragten sie wie nebenbei auch nach Gerhard Augenthaler (natürlich ist der Name geändert) und seinem Prunkbau. Was sie dabei zu hören bekamen, war eine seltsame Mischung aus Fakten und Fiktion – wobei nicht immer klar war, was nun echt, und was nun erfunden war.

Winkler, von Strolchen und Team merkten bald, dass die Dorfgemeinschaft ihre Identität offenbar nicht so sehr positiv ausbilden konnte, indem die Menschen des Ortes hätten sagen können, wer sie nun seien – sondern es gelang ihnen nur ihre Identität negativ auszubilden, indem sie sehr genau zu wissen meinten, wie sie nicht sein wollten: und zwar so, wie Gerhard Augenthaler mit seiner umgebauten Villa. Die Identität der Gemeinschaft bildete sich also aus, indem man sie vom Fremden, vom Anderen unterschied. Dies ist faszinierend, da die Einheimischen den Fremden ja gar nicht kannten. Winkler, von Strolchen und ihr Team hatten denn auch das Gefühl, dass sie zeitgenössische Mythenbildung in Echtzeit mitverfolgen konnten: Immer grotesker, immer unglaublicher wurden die Erzählungen über den Eindringling, der mit ganz eigenen Ideen in den heilen Kosmos der Dorfgemeinschaft eingedrungen war. Und je mehr die Künstler über diesen Menschen zu hören bekamen, desto weniger konnten sie sich ein Bild von ihm machen. Die Geschichten und Erzählungen der Dorfgemeinschaft über ihren eigensinnigsten Bewohner passten ähnlich schlecht zusammen, wie die barocken Vordächer zu den römischen Säulen an Augenthalers Haus. Der letzte «Open Kitchen»-Abend widmet sich also den Dämpfen und Gerüchen aus der Gerüchteküche eines Dorfes rund um diesen Eigenbrötler.

Damit spannt das Festival einen Bogen vom konkreten Kochexperiment als demokratischem Labor bis hin zum Erfahrungsbericht gelebter Gemeinschaftsbildung.

Open Kitchen, Luzerner Theater

Maidorf. Open Kitchen Luzerner Theater

Maidorf. Open Kitchen Luzerner Theater

Maidorf. Open Kitchen Luzerner Theater

Open Kitchen, Luzerner Theater