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November 2020
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15. Oktober | Dominik Busch

Autor Dominik Busch stellt das neue Schauspiel vor

Neues Schauspiel, Luzerner Theater

«Die Beziehung zu den Menschen vor Ort ist uns wichtig. Und die Beziehung zu den Künstlern, die uns begeistern», sagt Schauspielchefin Sandra Küpper – und die Zustimmung ihres Teams zu dieser Aussage ist am Tisch mit Händen zu greifen. Wir sitzen im Mardi Gras zwischen Reusssteg und Spreuerbrücke und die vier – neuen – leitenden Köpfe der Schauspiel-Sparte des Luzerner Theater erzählen voller Vorfreude von der kommenden Spielzeit; neben Sandra Küpper ist das die Dramaturgin Irina Müller sowie die Dramaturgen Gábor Thury und Nikolai Ulbricht.

Sandra Küpper verbringt ihre Proben gerade auf dem Vierwaldstättersee, genauer: auf der MS Saphir. Sie hat den ungarischen Theater- und Filmregisseur Kornél Mundruczó für eine Arbeit in Luzern gewinnen können. Die beiden verbindet eine langjährige Arbeitsbeziehung. Mundruczós Filme und Stücke bewegen sich in einer Art magischem Realismus: «Seine Arbeiten sind alle auf einem schmalen Grat zwischen Traum und Realität», führt Küpper aus. Seine Settings seien meist sehr realistisch, die Schauspieler spielten ungekünstelt und zurückgenommen, aber mit einem Mal breche etwas Übernatürliches ein in die Geschichten. Die Szenen, die Figuren wirkten lebensecht, fast dokumentarisch, doch plötzlich könne jemand Kranke heilen oder die Gravität überwinden, oder eine Meute von Hunden erkläre der Menschheit den Krieg. Unsere Annahmen über die Welt würden damit poetisch und spielerisch hinterfragt. Für die Arbeit auf dem Motorschiff habe der Regisseur gemeinsam mit seiner Autorin Kata Wéber nach Geschichten gesucht, die alle im Umkreis des Vierwaldstättersees spielten. Herausgekommen sei eine traumtänzerische Erzählung, die um das Thema Erinnerung kreise: «Eine Geschichte, wie von Murakami», erklärt Küpper in Anlehnung an den japanischen Romancier. Die theatrale Schiffstour «Traumland» feiert am 8. September 2018 Premiere und soll nicht die letzte Arbeit des Ungarn für das Luzerner Publikum sein.

Gábor Thury ist ein Landsmann Mundruczós und hat bereits bei Produktionen von ihm als Dramaturg mitgewirkt. Er ist neu in Luzern und beginnt gerade, die Stadt für sich zu entdecken. Küpper kennt er vom Hamburger Thalia Theater, wo er mitgeholfen hat, die«Lessingtage» zu organisieren; danach hat er als Dramaturg eigene Produktionen verantwortet. Thury hat schon einmal an einem deutschen Stadttheater gekündigt, weil er lieber wieder in der freien Szene arbeiten wollte. Dies, so sagt er, entspreche ihm eigentlich mehr. Als Sandra Küpper ihn aber für Luzern angefragt habe, habe er sich überreden lassen, weil er wisse, dass sie das Stadttheater auf eine Weise denke, die der freien Szene nahe sei: flache Hierarchien, schnelle Wege, ein freier Denkraum und der Wunsch, ausgefallene Ideen von Künstlern zu ermöglichen – anstatt sie ihnen auszureden. «Wir suchen nicht nach einem Stoff, der uns das Haus füllt, und fragen uns dann, wer ihn inszenieren könnte. Wir holen die Leute nach Luzern, deren Arbeit uns fasziniert», sagt Thury. Derzeit steckt der junge Dramaturg ebenfalls in Proben, die ihm und allen Beteiligten, wie er sagt, viel Spass machten: Mit dem Regisseur Viktor Bodó – auch er Ungar – erarbeitet er die Slapstick-Oper «Im Amt für Todesangelegenheiten». Das Projekt, so Thury, sei wirklich spartenübergreifend: «Die Tänzer, Schauspieler und Sänger stehen in einem Austausch, bei dem alle von allen profitieren können, weil alle von allen herausgefordert werden.» Der Chor des LT und das 21st Century Orchestra bringen Klaus von Heydenabers Musik am 7. September 2018 zur Uraufführung.

Irina Müller kommt aus dem Bereich Tanz und Performance und hat lange Jahre als Darstellerin, Choreographin und Dramaturgin in diesem Feld gewirkt. «Irgendwann hat mir eine tiefere Auseinandersetzung mit der Sprache gefehlt», sagt die gebürtige Zürcherin, die in Schaffhausen aufgewachsen ist. So kam der Wechsel ans Schauspielhaus Zürich, wo die Arbeit am Text im Zentrum gestanden habe. «In der Zukunft möchte ich noch mehr die Räume dazwischen erforschen», sagt sie – und meint die Räume zwischen Verkörperung und Text. Einen solchen Zugriff erhofft sie sich auch von Angeliki Papoulia und Christos Passalis. Die Griechin und der Grieche werden im Frühjahr 2019 den griechischen Stoff «Alkestis!» (nach Euripides) nach Luzern bringen. Die Schauspielerin Angeliki Papoulia kann man aus Filmen des griechischen Regisseurs Giorgos Lanthimos  («Dogtooth», «The Lobster») kennen. Gemeinsam mit Christos Passalis hat sie in Athen die «Blitz Theatre Group» gegründet, eine international tätige Gruppe, die genau jenen Raum zwischen Performance und Schauspiel ausleuchtet, für den sich Müller interessiert. Die Arbeiten der griechischen Gruppe seien bekannt für einen ernsthaften Umgang mit Sprache, doch treffe dieser immer auf eine poetische Sinnlichkeit, bei der Musik und Bilder den Texten ebenbürtig zur Seite stünden. Im Frühjahr 2019 wird  die Frau Alkestis ihre Liebsten verlassen und einen Gang durch die Unterwelt antreten, wo sie auf Götter, Geister und ihr eigenes Unterbewusstsein trifft.

«Mir ist die Frage wichtig: Warum tun wir das? Warum machen wir Theater?» Nikolai Ulbricht kommt aus Freiburg in Breisgau. Frei von Ironie spricht er über die Sinnhaftigkeit in seinem Beruf und gesteht gleich am Anfang, dass er schon an Orten gearbeitet habe, an denen er die obige Frage nicht hätte beantworten können – Orte, an denen: «es halt läuft, wie es läuft.» In Zusammenarbeit mit Sandra Küpper sei ihm das allerdings nicht passiert. Die beiden kennen sich ebenfalls aus Hamburg. Ulbricht sei durch die «Lessingtage» mit den unterschiedlichsten Theaterformen aus aller Welt in Kontakt gekommen. Er wehrt sich dagegen, Theater als etwas Abgeschlossenes zu betrachten, als ein Handwerk, bei dem man doch wisse, wie es gemacht werde. «Ich weiss noch nicht, in welche Richtung es geht», und man glaubt ihm die Aufrichtigkeit, mit der er das sagt. Das letzte Jahr sei für ihn intensiv gewesen: neben seiner Anstellung als Dramaturg am Münchner Volkstheater hat er gemeinsam mit Küpper in Luzern die aktuelle Spielzeit vorbereitet. Ulbricht freut sich unter anderem auf die Zusammenarbeit mit Mirko Borscht. Der deutsche Regisseur – er kommt ursprünglich aus der Punkszene – verstünde es meisterhaft, Leute fürs Theater zu gewinnen, die ansonsten damit wenig am Hut hätten. Borscht wird drei Hallen der Viscosistadt mit über dreissig Jugendlichen und mit Musikern bespielen. Die Arbeit wird Film, Musik und Theater in sich vereinen und handelt von den Auswirkungen der Digitalisierung auf unser Leben. 

Was nach zwei Stunden Gespräch und Diskussion im Mardi Gras auffällt, ist, dass sich die neue Schauspiel-Dramaturgie des LT auf eine Suche begeben möchte - nicht nur auf eine Suche nach neuen Stoffen, Formen und künstlerischen Handschriften, sondern auch auf die Suche nach einer Verortung in Luzern, einer Stadt, die nicht zuletzt auch zur neuen Heimat für diese vier Menschen geworden ist, die hier zusammen draussen auf der Burgerstrasse sitzen. Und was dieser Begriff «Heimat» heute überhaupt noch bedeuten kann, darüber sprechen wir bestimmt bei einer der kommenden Premierenfeiern des LT...